Martje Flors

Für Barbara Frischmuth.

Für das entscheidende Vorstellungsgespräch wurden drei Kandidatinnen vorgeladen. Mit Rücksicht auf die hiesigen Verkehrsbedingungen waren der erste Termin auf 12.00 Uhr, die beiden anderen auf den Nachmittag gelegt worden. Alle drei stiegen um 11.30 Uhr aus dem Bus, so dass bei den ausnahmslos kurzen Wegen im Ort auch die erste sich nicht gehetzt zu fühlen brauchte. Es war der Wind, der ihr den Atem verschlug. Eher Feen als Windgeister– das war auf den ersten Blick zu erkennen. Wir waren es gewohnt, dass sich die mediterranen , die asiatischen und vor allem die alpinen Fachleute unter dem Wind unserer als gemäßigte Zone bekannten Küste etwas anderes vorstellten als sie hier erwartete. Davon zeugten schon die modischen engen und kurzen Regenmäntel. Wie gut, dass die Flensburger Firma hier nicht mehr drehte, sonst wären die drei von den wenig sachkundigen Einwohnern noch als Porno-Darstellerinnen eingeschätzt und entsprechend behandelt worden.

Nachdem die Landesregierung Schleswig Holsteins am 29. Dezember 2020 die Regionalpläne Windenergie auch für die Halbinsel Eiderstedt endgültig beschlossen hatte, war uns nichts anderes übrig geblieben, als sich nach Hilfe umzusehen und dabei auch unkonventionelle Wege zu gehen. Die in dieser offiziellen Verlautbarung nach zu lesenden Zusicherungen trugen für uns sichtbar bereits das Verfallsdatum. Und den ausgewiesenen, durch Windenergie ausbeutbaren 32.000 Hektar, zwei Prozent der Landesfläche, sahen wir die kontinuierliche Vergrößerung bis zur hinzugefügten null deutlich an. Unsere Existenz war durch Technik und Raumverlust bedroht.

Man war daraufhin meinem Vorschlag gefolgt, die bewilligte Stelle der Schulassistenz für den Schulverband Eiderstedt international auszuschreiben und mit den einschlägigen Hinweisen zu versehen – leichtes Spiel in einer Gegend, die den Interregionalismus so hoch schätzt.

Wir erhielten eine Fülle von Bewerbungsschreiben - digital wie analog. Es war nicht mehr so leicht wie in früheren Jahren herauszufinden, wer zu dem Kreis geeigneter Interessenten gehörte. Viele der ehemals exquisiten Künste von Verstellung, Camouflage, Kulisse, Attrappe, Wechselspielen der Geschlechter gehörten inzwischen zum gängigen Habitus und waren Teil jeder Fortbildung für erfolgreiche Bemühungen um eine Arbeitsstelle. Und ich gab nichts darauf, Briefpapier und –kopf, Computer-Programme, social media, Schrifttype oder gar Plagiats-Software zur Prüfung und Auslese zu verwenden, hielt mich lieber an die traditionellen Selektionsverfahren.

Da blieb nur Martje Flors. Sie war eine der wenigen, die Kenntnis modernster Technik mit zeitlosem Instinkt verband. Ich hatte sie schon öfter um Hilfe bitten müssen. Das fiel kaum auf, denn wir hatten ihr rechtzeitig - vor etwas mehr als dreihundert Jahren - das Wahrnehmungsmerkmal eines vorpubertären mutigen kleinen Mädchens verpasst, das sich den Zumutungen der Mächtigen durch effektvolle Hinweise auf humane Werte entzieht. Bedrängt von skandinavischer Soldateska hatte sie den hier zum Lebenselexier geronnenen Trunkspruch ausgerufen „Et gah uns wol up unse olen dage“ Wir wussten natürlich, dass sich diese Konstellation – wenn auch durch die Zeiten etwas variiert – so gut wie immer für unsere jeweiligen Interessen einsetzen ließ.

Als ich ihr den Fall erklärte, zeigte sie zunächst mäßiges Interesse. Ich musste sie daran erinnern, dass die neue Verordnung unser Lebenselixier, den Wind an der Küste in Bahnen lenkte, die ihn für uns unbrauchbar machte. Glücklicherweise war ich ihr nicht mit Hinweisen auf die Zerstörung der urwüchsigen Landschaft, auf schwindende Schönheit und auf den Kampf gegen materielle Ausbeutung durch einige wenige Profiteure in Wirtschaft und Politik gekommen. Das interessierte sie nicht. Außerdem wusste sie ja, dass Landschaft und Lebensbedingungen auf der Halbinsel Eiderstedt weitgehend das Ergebnis eben solchen menschlichen Tuns waren. Hier ging es um Macht und darin kannte Martje Flors sich aus. Sie verlinkte die Stellenausschreibung, so dass Windgeister in aller Welt auf das Problem aufmerksam wurden und sich angesprochen fühlten.

Und nun diese drei. Es hatte mir immer schon Spaß gemacht, die quasi unbewegliche Administrationskunst eines hiesigen Verantwortlichen mit der Leichtigkeit und den Fähigkeiten meiner wahren „windigen“ Existenz zu kombinieren. Die damit bis vor wenigen Jahren notwendigerweise verbundene männliche Rolle war mir dabei fast zur zweiten Natur geworden. Und so lösten die Erscheinungen der drei Feen angenehme Reaktionen, man hätte fast meinen können Gefühle in mir aus. Kein Zweifel, auch ich sollte hier manipuliert werden.

Als ich sie begrüßte, rauschte mir der den Regen peitschende Wind die Codes der drei Kandidatinnen zu

La tempesta di mare, Seesturm der Lagune vor Venedig, Bise aus den Schweizer Nordalpen und Bàofēngyǔ bàofā, Sandsturm aus Bejing.

Das Trio würde auf jeder internationalen Konferenz - gleich welcher Veranstalter oder Inhalte -Aufsehen erregt haben. Als sich die jungen Frauen im überheizten Lehrerzimmer der Gemeinschaftsschule ohne auch nur eine Spur entgegenkommender Hilfe ihrer bereits durchnässten Regenmäntel entledigten, sah man ein paar Sekunden lang drei Spielarten von Macht und Stärke der Natur - realisiert in Frauenschönheit: die kaum nachzuvollziehende Beweglichkeit und Biegsamkeit der Chinesin, das reizvolle Sfumato in den Umrissen der Venizianerin, die kontrollierte ebenmäßige Erscheinung der hochgewachsenen Frau aus den Alpen. Jede aber legte rasch Filter auf die blinzelnden Augen der anwesenden und zu spät kommenden Mitglieder des Schul- und Kulturausschusses, der Stadtverordneten und Beisitzer beiderlei Geschlechts. Man bot – da nun alle Bewerberinnen schon da waren – Kaffee und Plätzchen an, bediente sich selbst und schickte die zwei mit den späteren Terminen in die kleine Schulbücherei, nicht ohne Kaffeekanne, Tassen und Gebäck auch dort bereit zu stellen. Hier wusste jeder, was sich gehört.

La Tempesta di mare aus der Lagune von Venedig hatte offensichtlich der Versuchung widerstanden, jedweder touristischen Anmutung ihres Wirkungskreises nachzukommen. Die Eiderstedter sahen in ihr eine agile dottora , eine Jüngerin Maria Montessoris, die beseelt von ihrer pädagogischen Aufgabe gestenreich wie ein Wirbelwind einen Arbeitsplan vorstellte. Das Selbstverständnis der Eiderstedter stimmt nur teilweise mit der freiheitlichen Selbstfindung dieses Erziehungsprogrammes überein. Ich befürchtete, dass die mir bekannte tiefe Abneigung der Anwesenden gegen jede Form von Libertinage Ablehnung hervorrufen würde. Aber das war nicht der Fall. Martje Flors schenkte Kaffee ein und lenkte den Sprachfluss in die den Ohren schmeichelnden Bahnen der Versöhnung von Pflichtgefühl und landschaftlicher Schönheit, Individualität und Verantwortlichkeit. Wie von selbst stand auf einmal die Unantastbarkeit der Natur-Elemente im verbindlichen Erziehungsprogramm des Eiderstedter Schulvereins. Ein wenig zu hastig verließ der Seesturm den Raum, froh, seine Mission erfüllt zu haben, eine Spur zu sorglos, was den glaubhaften Abgang einer hoffnungsfrohen Kandidatin anbelangte.

Bise aus den Schweizer Nordalpen trug einen für die Herrscher des Gipfelklimas so abartig mütterlichen Ausdruck im Gesicht strenger Schönheit, dass ich um die Glaubwürdigkeit dieses Auftrittes fürchtete. Ich kannte ihr Schicksal entscheidendes Tun, in dem das Überleben der Menschheit die geringste Sorge war. Niemand musste sich zur Zeit so bedroht fühlen wie sie. Aber Bise hatte sich im Griff, packte die Verantwortlichen bei ihren täglichen Mühen und Sorgen, sprach von föhnartigen Belastungen der Bevölkerung, den wachsenden psychischen Herausforderungen durch das Surren der Windräder, die toten Vögel. Sie redete sich schließlich auf die heilende Wirkung des Lesens, auf die Organisation lesefördernder Maßnahmen und die hierzulande ja schon traditionell erprobte, aber zu verbessernde Zusammenarbeit von Schulen und öffentlichen Bibliotheken heraus. Wieder eine gekonnte Verbindung zwischen den Einzelinteressen der Anwesenden, der Skepsis gegenüber der subventionierten Windenergie und dem „guten Zweck“, ohne dessen Erwähnung es hierzulande nun einmal nicht ging. Das suggerierte ihr Martje Flors beim Nachlegen der Plätzchen bevor Bise in den digitalen Unterlagen für einen Modellversuch zur Lesepädagogik eine fünfstellige Summe vom Kapitel Windfinanzierung zum Abschnitt Pädagogik transferierte.

Wirklich gespannt war ich, wie sich die vermeintliche junge Chinesin vorstellen würde. Sie hatte nicht nur ihr Äußeres - smarte Geschäftsfrau im pflaumenblauen Woll-Seiden-Ensemble mit kalkuliertem Understatement im wachen Blick – sondern auch ihr Narrativ ganz auf die Machtfrage konzentriert. Als sie den Anwesenden kühl und rasch die Zusammenhänge zwischen der Aufgabe von Schulen im Landkreis, den lokalen Entscheidungsträgern und einer übergeordneten Funktion, d.h. Weisungsbefugnis der von ihr angestrebten Position, im Schulverband darlegte, fühlten sich auch die von ihr offensichtlich übergangenen Chargen in ihrem Entscheidungswillen bestätigt. Sie führte aus, wie der von einem internationalen Team entwickelte Algorithmus ergebnisorientierten Handelns im pädagogischen Verwaltungsbereich die Ergebnisse optimieren würde. Sie bat um einen PC und tippte – mit Bedauern, dass keine Möglichkeit zur allgemeinen Einsichtnahme bestand - ein Programm ein. Es war die endgültige, durch eine vermeintliche PDF-Verschlüsselung unaufhebbare Korrektur des Daten- und Zahlenmaterials der Regionalpläne zur Windenergie. Einen kleinen Datenspeicher – es war Martje Flors – hielt sie zu ihrer Unterstützung in der Hand wie einen Jadestein.

Der Schwung und Charme der drei Kandidatinnen hatte die Anwesenden ganz vergessen lassen, welcher Entscheidungsprozess auf sie zu kam Ich beobachtete Martje Flors. Sie war nun nichts als ein winziges Logo des Primolo-Programms auf dem Bildschirm eines Lehrer-PCs. IT-Spielereien dieser Art machten mir keine Schwierigkeiten. Es lag auf der Hand, unsere früheren Verwandlungskünste mit dem Wechselspiel binärer Logik und digitaler Existenz in Harmonie zu bringen. Zwar musste ich zugestehen, dass im Zeit-Raum-Kubus die für uns so zerstörerischen Großwindanlagen und die Doppelung der Welt durch die Digitalisierung von einem überraschend nah beieinander liegenden Zeitpunkt an in einem - auf das All berechneten --Quadrat existierten. Aber wenn ich mir angesichts von Phänomenen dieser Art jedes Mal eine Entwicklungslinie vorgestellte, wäre es um das geschehen, was die Menschen zwar unzulänglich, aber doch nicht ganz zu Unrecht „ewige Jugend“ und“ Unsterblichkeit“ nennen und was unsere Existenz eigentlich ausmacht.

Die drei Windgeister machten sich nicht die Mühe, nach erfülltem Auftrag noch einmal über Land zu reisen. Sie gingen ihrer gewohnten Wege und waren schnell zu Hause. Die Verantwortlichen blieben zunächst schweigend zurück, versicherten sich des Protokolls, seiner Verteilung und des Termins für die Beratung über das Entscheidungsdatum. Ein vages Gemurmel zeugte von keinerlei Vorstellungen über den Ausgang der Dinge, deren Logik in die Schieflage geraten war.

Die Eiderstedter, obwohl vom surrenden Geräusch der leicht schwingenden Großwindräder manchmal bis an den Rand der Erkenntnis unserer verborgenen Welt gebracht, machten sich ihren eigenen Vers auf die Geschehnisse in der Gemeinschaftsschule. Es war ihnen zugetragen worden oder sie hatten selber wahrgenommen, dass bei den Bewerbungsgesprächen immer noch eine andere Gestalt, Macht oder Kraft anwesend gewesen war – aber es war nur so ein Gefühl. Dafür hatten die drei Bewerberinnen nachhaltig gesorgt. Den einen erschien Martje Flors als Automat, als windgetriebener Roboter künstlicher Intelligenz, mitgebracht von der Asiatin. Die Wahrnehmung der anderen deutete sie als Umwelt-Aktivistin mit Öko-Trinksprüchen, in die sich manchmal ein venezianischer Reim einschlich. Alt Eingesessene aber sahen, was ihnen der Föhn aus den Alpen mit der Stärke Jahrhunderte alter Manipulationskunst sandte: eine verwöhnte Hotelier-Tochter bedrängt von Immobilien-Investoren aus dem Norden.

Auf der Einwohner-Versammlung zu den neuen Bestimmungen der Windenergie saß Martje Flors neben mir. Sie trug die Mode des ausgehenden 21. Jahrhunderts, denn sie wollte in die Zukunft schauen. Keiner achtete auf sie, als die Kommunal- und Landespolitiker ihre Fähigkeiten des Eigenlobs kultivierten und die Umwelt schonende Weitsicht der neuen Verordnung priesen. Die Stelle für die Schulassistenz musste noch einmal ausgeschrieben werden. Der Verlauf der stattgefundenen Bewerbungsgespräche war vertraulich. Wie wir alle hasste die 300 Jahre alte Frau neben mir den lokalpolitischen Mummenschanz, eine leider immer noch alternativlose Technik um zu begreifen, was kommen wird. Dazu ließ Martje Flors das, was man zur Zeit I-pad nennt, nicht aus den Augen. Sie las ab, was dort in der für die Region Eiderstedt transponierten Lautschrift als Hinweis auf die Epoche stand, in der sie ihr heutiges Kleid vielleicht wieder einmal tragen würde:

„Auf dass es uns gut gehe auf unsere alten Tage“

Birgit Dankert

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